Die Entscheidung (Erzählung)
Dr. Britta Steiner, eine erfolgreiche Chirurgin, nippte gelangweilt an
ihrem Glas. Sie hasste diese Pflichtpartys und noch mehr das alberne
Geschwafel einiger arroganter Damen, die nichts anderes zu tun hatten,
als sich im Ruhm ihrer erfolgreichen Gatten zu sonnen. Zu Frauen hatte
Britta noch nie einen besonderen Draht gehabt. Ihre knappe Freizeit
pflegte Britta meistens alleine zu verbringen. Dann konnte sie sich am
besten erholen und neue Kraft schöpfen, für ihre harte Arbeit. Auch an
diesem Abend blieb es nur bei einem small talk.
Britta war eine etwas eigenwillige Frau, die immer ganz genau wusste,
was sie wollte. Vielleicht war das gerade das Erfolgsrezept für ihre
steile Karriere. Viele Kollegen, besonders die männlichen, beneideten
sie häufig um ihren stetigen Aufstieg. In der Wissenschaft wird es
leider immer noch nicht so gern gesehen, dass eine Frau den Ton angibt.
Plötzlich betrat ein hochgewachsener Mann in schwarzer Priesterkleidung
den Raum. Alle Köpfe wandten sich ihm neugierig entgegen, und die
Gespräche verstummten. Daran war wohl weniger sein außergewöhnlich gutes
Aussehen schuld, als seine konservative Kleidung. Der fremde Gast
genoss offenbar die gespannte Aufmerksamkeit und erwiderte sie mit einem
Lächeln, bei dem seine strahlend weißen Zähne richtig zur Geltung
kamen. Überschwänglich wurde er von dem Gastgeber, Prof. Dr. Navel,
begrüßt und als Pfarrer Michael Krupps aus Würzburg vorgestellt.
Für einen Moment glaubte Britta, ihr Herz würde stehen bleiben, bevor es
in rasendem Tempo weiter schlug. "Micha!" durchzuckte es sie. Dann
begegneten sich auch schon ihre Blicke. Sekunden wurden zur Ewigkeit. In
beiden flammte wieder auf, was sie glaubten, lange besiegt zu haben.
Wie brennende Pfeilspitzen fühlte Britta die Augen der Gäste auf sich
gerichtet. Um ihre Erregung zu verbergen, trat sie vor einen Spiegel,
stellte ihr Glas ab und rückte ihr kesses Hütchen zurecht. Sie sah, wie
Micha direkt auf sie zu kam. Ihr Herz drohte zu zerspringen. Sie drehte
sich langsam um und flüsterte hastig: "Micha, begrüße mich bitte ganz
formal, alles schaut auf uns, rufe mich später an." Sie kramte in ihrem
Handtäschchen und steckte ihm fast unbemerkt ihre Visitenkarte zu. Micha
verbeugte sich elegant und ging weiter, er hatte sofort begriffen.
Britta hatte zeitig die Party verlassen. Zu vorgerückter Stunde läutete
es an ihrer Haustür. Das überraschte sie nicht, es war für sie ganz
klar, daß Micha zu ihr kommen würde.
Sie öffnete die Tür, und beide standen sich eine Zeitlang schweigend
gegenüber. Britta zitterte vor Aufregung wie Espenlaub. Dann umfasste
Micha ganz schüchtern ihre Schultern und strich sanft über ihr blondes,
naturgewelltes Haar. Britta konnte sich nicht mehr zurückhalten, sie
schlang stürmisch ihre Arme um seinen Hals, und sie ließen ihren
Gefühlen freien Lauf.
"Ich werde nie wieder loslassen, was ich jetzt wiedergefunden habe", hauchte Micha ihr ins Ohr.
Britta löste sich aus der Umarmung, zog ihn in das behagliche Wohnzimmer
und fragte erstaunt: "Wie bist du überhaupt hierher nach Hamburg
gekommen?"
"Vor einigen Wochen lernte ich Prof. Navel in Würzburg auf einer
Podiumsdiskussion kennen. Wir verstanden uns prächtig, und bei dieser
Gelegenheit lud er mich zu seinem 50. nach Hamburg ein. Ich hatte doch
gar keine Ahnung, was mich hier erwarten würde. Erst hier habe ich
erfahren, dass er dein Chef ist. Nie werde ich dich jetzt wieder
hergeben,----das heißt, wenn es nicht einen anderen Mann in deinem Leben
gibt?"
Britta schüttelte verneinend den Kopf. Mit einem bitteren Unterton in
ihrer Stimme fragte sie: "Und wie stellst du dir das vor?" "Ganz
einfach, du kommst mit zu mir !"
"So, einfach mit zu dir, womöglich noch als deine Haushälterin?"
"Ach Quatsch", winkte er ab, "wir werden zusammen leben, und jeder geht
seinem Beruf nach. Das wird heute schon von vielen Priestern
praktiziert, und wo kein Kläger, ist kein Richter."
"Nein, nein Micha", antwortete Britta energisch, "du müsstest mich
eigentlich besser kennen. Ich bin ein Mensch, der alles will oder
nichts. Dich mit deinem Gott teilen, das könnte ich nie. Schon einmal im
Leben habe ich dich deinem Gott geopfert, ein zweites Mal stehe ich das
nicht durch."
Sie dachte daran zurück, wie glücklich sie bis vor 15 Jahren gewesen
waren. Drei Jahre lang waren sie ein Liebespaar, und er war in ihrem
Leben der erste Mann gewesen. Er war es auch bis zu diesem Tag
geblieben. Sie hatte ihn so sehr geliebt, dass später für einen anderen
Mann kein Platz mehr in ihrem Herzen frei war. Sie hatte ihm alles
geschenkt und nie daran gedacht, dass dieses Glück einmal zerbrechen
könnte. Dann kam der Tag, an dem Micha ihr erklärte, es sei ihm bewusst
geworden, dass er Gott mehr liebe als sie. Er könne einfach nicht anders
und fühle sich berufen, Priester zu werden, ein Diener Gottes zu sein.
Er hatte die Worte der Hl. Theresia von Avila gelesen: "Gott allein
genügt", und sie hatten ihn nicht mehr losgelassen. Für Britta war
damals eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte sich häufig mit dem
Gedanken getragen, ihrem Leben ein Ende zu machen. Doch dann war es ihre
geliebte Mutter gewesen, die ihr mit unendlich viel Geduld geholfen
hatte, sich innerlich ein Stück von Micha zu lösen. Es war ein langer
Prozess gewesen. Britta hatte sich wie besessen auf ihr Medizinstudium
gestürzt und ein Erfolgserlebnis nach dem anderen für sich verbuchen
können. Für eine neue Beziehung war in ihrem Herzen kein Platz mehr, sie
lebte nur für ihre Arbeit. Jetzt einen neuen Anfang mit Micha wagen,
der von vornherein zum Scheitern verurteilt war, das konnte und wollte
sie sich nicht antun.
Micha unterbrach das Schweigen: "In all den vergangenen Jahren habe ich
keinen inneren Frieden gefunden. Ich konnte dich nicht aus meinem Herzen
streichen. Manchmal glaubte ich, ich würde wahnsinnig vor Sehnsucht
nach dir, das konnte doch nicht Gottes Wille sein. Mir kamen Zweifel.
Wie oft habe ich den Telefonhörer in der Hand gehabt und wollte mich bei
deinen Eltern nach dir erkundigen. Dann siegte wieder der innere
Schweinehund in mir."
Britta blickte ihn traurig an, ihre Augen wurden feucht: "Es wäre auch
zwecklos gewesen, bei meinen Eltern anzurufen. Sie sind schon vor sieben
Jahren tödlich verunglückt. Seit der Zeit bin ich ganz alleine. Dich
musste ich an deinen Gott abtreten und meine Eltern an den Tod. Alles
Mächte, die stärker waren als meine Liebe. - Micha, ich habe dich so
sehr geliebt, wie man sicher nur einmal in seinem Leben lieben kann.
Alles was danach kommt, ist nur noch eine billiger Abklatsch."
Micha war weiß wie der Kalk an der Wand. Er nahm ihr schmales Gesicht in
beide Hände. "Was musstest du alles durchstehen, mein Liebstes, und ich
hatte von allem keinen blassen Schimmer! Was habe ich dir damals nur
angetan? Ja, ich war blind für meine Umwelt, ich habe nur mich gesehen.
Aber ich habe auch gelitten."
Britta zuckte mit den Schultern: "Was nützt uns das heute, Micha?"
"Heute weiß ich, dass ich dich niemals wieder loslassen werde, egal was
kommt", er hob ihr Kinn mit einem Finger, und sie ließen sich auf den
weichen Teppich vor den knisternden Kamin nieder.
Britta kuschelte sich wie ein Kind in seine starken Arme, und sie begann
zu erzählen: "Weißt du, Micha, im vergangenen Jahr war ich drei Monate
lang in einem Missionskrankenhaus in Ruanda, mitten im Busch. Dort habe
ich mein Herz verloren. Ich habe mich in die Menschen verliebt, die so
dringend unsere Hilfe brauchen. Du kannst dir ihre Not gar nicht
vorstellen, das muss man gesehen haben. Ich habe mir vor Ort alles
angeschaut und festgestellt, die Arbeit dort ist meine Berufung.
Inzwischen habe ich das Notwendige in die Wege geleitet und werde in
etwa einem Jahr den leitenden Arzt der Klinik, der schon sehr alt ist,
ablösen. Es wird für mich eine Lebensaufgabe werden."
Michael war total geschockt, mit so etwas hatte er nun gar nicht
gerechnet, zumal sie so eine erfolgreiche Ärztin war. Er richtete sich
auf und fragte ganz entrüstet: "Bist du denn von allen guten Geistern
verlassen, weißt du überhaupt was da auf dich zukommt, auf was du dich
da einlässt? Du gibst doch deine ganze Sicherheit und dein Ansehen, das
du dir hier erworben hast, auf."
"Ja, Micha", sie strich ihm dabei mit dem Finger über die Nase, "ich
habe mir alles ganz gründlich überlegt. Ich fühle mich dazu so berufen
wie du dich damals zu deinem Priesteramt.
Aber weißt du, deine Einstellung zu Sicherheit und Ansehen passt nicht
zu dir, das bist nicht mehr du. Zumindest habe ich dich anders in
Erinnerung."
Als Britta am nächsten Morgen zum Dienst musste, schlief Michael noch
fest. Sie deckte für ihn den Frühstückstisch und legte ihm ein Briefchen
mit folgendem Inhalt auf den Teller:
"Geliebter Micha, Danke für die wunderbaren Stunden. Bitte melde Dich
nicht mehr bei mir, wir können so nicht glücklich werden. Lass jeder von
uns seiner Berufung folgen. Du wirst ewig in meinem Herzen bleiben.
"So eine Liebe gibt's nur einmal,
und war die Zeit auch schnell vorbei,
du wirst ein Leben davon träumen
wie einen Sommer lang vom Mai."
In Liebe, Deine Britta.
Nochmals Dank und Lebewohl."
Britta hatte einen langen, arbeitsreichen Tag hinter sich, als sie am
Abend erschöpft ihre Wohnungstür aufschloss. Sie zögerte einen Moment,
die Tür zu öffnen. Vielleicht war Micha gar nicht abgereist. Als sie
eintrat, fand sie die Wohnung leer vor. Auf dem Couchtisch lag eine
langstielige, rote Rose mit einer kleinen Karte. Darauf stand in den für
Micha typischen kleinen Buchstaben:"Meine allerliebste Britta! Ich
danke Dir für Deine Liebe und Deine Ehrlichkeit. In Deiner gemütlichen,
kleinen Wohnung habe ich noch einige Stunden verbracht und viel über uns
nachgedacht. Ich habe dabei für mich eine ganz wichtige und große
Entscheidung getroffen. In einem Jahr werde ich Dich in Ruanda erwarten,
ungeteilt, d. h. als freier Mann. Meine Entscheidung steht ganz fest.
In Würzburg werde ich sofort alle nötigen Schritte in die Wege leiten
und meine Laisierung beim Bischof beantragen. Ich denke, Ruanda kann
für uns beide eine Lebensaufgabe werden. Hoffentlich kannst Du meinen
Entschluss akzeptieren.
Ich freue mich auf Dich, ich warte sehnsüchtig auf Dich, ich liebe Dich.
In inniger Liebe, Micha."
Britta presste die Rose an ihre Lippen, und heiße Tränen der Freude und des unfassbaren Glückes rannen über ihre Wangen.